Gedankentagebuch #55 – Wann schreibt man Tagebuch?
Als Kind habe ich, glaube ich, insgesamt 5 Mal angefangen Tagebuch zu schreiben. Das erste Mal, als mir die Zahnfee eines unter mein Kopfkissen gelegt hatte. Es hatte ein kleines Schloss dran und hatte rosane Blumen mit grünen Blättern in Pastell auf dem Umschlag. Die Seiten waren blanko, also ohne Linien, so dass man rein schreiben, malen, kritzeln oder was auch immer konnte.
Ich glaube einer meiner ersten Sätze war “Liebes Tagebuch, mit 6 Jahren war ich in David Hasselhoff verknallt”. Als nächstes folgte ein Geständnis, welchen Jungen ich aus meiner Klasse total süß fand und ich weiß, dass ich ihn als extrem blass beschrieb. Hachja… frische Grundschulliebe. Sie ist noch so unschuldig und wir alle hatten keine Ahnung, was Liebe eigentlich bedeutete.
Meine ersten Liebesbrief beantwortete ich völlig naiv und falsch (übrigens auch der einzige, den ich je bekam). Es war, meiner Meinung nach, in der 4. Klasse oder vielleicht auch 5… ich weiß es nicht mehr genau. Es war die übliche Abfolge an Fragen zum Ankreuzen: “Willst du mit mir gehen? Ja – Nein – Vielleicht”. Ich kreuzte ja an und schrieb noch drunter “Wohin denn?”. Als mir klar wurde, was eigentlich gemeint war, war mir das unendlich peinlich, aber so habe ich eine gute Geschichte zum Lachen, die ich noch heute immer wieder gerne erzähle.
Ich habe nicht oft Tagebuch geschrieben…
… was irgendwie verrückt ist, wenn man schaut, wie regelmäßig ich jetzt hier doch eigentlich über meinen Alltag berichte. Aber es gibt eben doch die feinen, kleinen Unterschiede. Ehrlich gesagt fällt mir tippen doch deutlich leichter als schreiben bzw… es geht einfach schneller. Ist leider ein Fakt. Aber man muss auch zusätzlich sagen, dass viele Gedanken und Emotionen hier nur angeschnitten werden. Ja, ich teile mit euch, wenn ich mich in einer stressigen Phase befinde, wenn ich schlecht schlafe und der Alltag sich mental nur noch belastend anfühlt. Warum auch immer nur von Friede, Freude, Eierkuchen berichten und eine unechte Welt vorspielen. Dennoch geht es niemals so sehr ins Detail und vieles, was im Hintergrund abläuft, das bleibt auch im Hintergrund, denn manches hat hier einfach nichts zu suchen.
Trotzdem suche ich den Kanal, um zumindest ein wenig meinen Kopf frei zu schreiben. Gleichzeitig teile ich mich euch schöne und spannende Erlebnisse, Ereignisse, die aus der Reihe tanzen und an die man sich gerne später einmal erinnern möchte. Es macht Spaß in den über 20 Jahren Bloggeschichte hier zu blättern und sich zu erinnern. An manchen Tagen, wenn ich einen Leerlauf im Kopf habe, mache ich das auch. Andere schreiben Tagebücher. Noch heute. Ich kenne zwei Damen aus meinem Freundeskreis, die wirklich seit Jahren Bücher Seite um Seite füllen und ich habe so enormen Respekt dafür. Ich sollte mir da wirklich mal eine Seite von Abschneiden und solche Dokumentationen für die Nachwelt schaffen. Also für meine Kinder zum Beispiel, damit sie immer einen Teil von mir haben. Wer weiß, wofür es gut sein kann.
Meine Oma ist auch so ein Archiv
Sie hat Jahrzehnte lang Fotobücher erstellt. Für jedes Jahr eines und sie hat sie aufwändig mit Fotos, Postkarten, Zeichnungen und Texten gefüllt. Man könnte diese Alben sicher irgendwann mal als regelrechte Zeitzeugen in einem Museum auslegen. Es ist Wahnsinn. Inzwischen ist sie so langsam zu alt dafür und es fällt ihr schwer daran zu arbeiten.
Ich habe es eine Zeit lang versucht wie sie zu machen. Am Ende sind es zwei Fotoalben geworden. Danach habe ich von Urlauben eine Zeitlang Fotobücher drucken lassen und Fotos entwickeln lassen, die nun in solchen Steckalben sind. Meine größte Schande sind Kisten voller unsortierter Fotos. Aber das kann irgendwann auch mal Spaß machen. Wie eine Schatzsuche in der Vergangenheit. Manchmal wäre ich da wirklich gerne organisierter.
Aber wann schreibt man tatsächlich Tagebuch
In meinem Fall immer dann, wenn ich das Chaos in meinem Kopf nicht gelichtet bekomme. Manchmal schreibe ich dann mit einer Freundin. Regelrechte Schreibschwalle brechen dann aus mir raus. Sie gibt mir Input und Gedankengänge dazu und ich reflektiere mich dann. Der Vorteil: Ich habe alles raus, fühle mich etwas sortierter und kann die Sache dann geordneter angehen. Aber ich fühle mich dann auch erschöpft. Sehr. Mental wirklich am Boden des Glases quasi.
Meine Mutter sagte bei meine, ich glaube es war das 4. Tagebuch an dem ich mich versuchte: “Wenn ich später mal in diesen Büchern lese, würde ich denken, dass du eine massiv depressive Jugend hattest”. Und ich kann sie verstehen, denn wenn man immer nur dann anfängt alles aufzuschreiben, wenn es einem schlecht geht und nie die guten Dinge im Leben ebenso festhält, dann kann dieser Eindruck entstehen.
Und das ist der Grund, warum ich irgendwann angefangen habe die Momente zu sammeln. Und seien sie noch so klein. Dieses bewusst machen, dass da mehr ist, als dieses Glas ohne wirklichen Boden und mehr, als dieses Gefühl endlos zu fallen. Es gibt immer mehr als eine Seite. In Situationen, an einem Menschen, bei Erlebnissen, Phasen, Gedanken, Gefühlen… was steckt hinter?
Ich weiß wirklich nicht, wie das bei euch ist, aber ich stelle immer wieder fest, dass das Bedürfnis nach solchen Tagebucheinträgen in mir aufsteigt, wenn mein Kopf nur im Chaos liegt.
Kennt ihr den Film “Wochenendrebellen”? Ich bin nun keine Autistin, aber der Junge in dem Film beschreibt diese innerlichen Widersprüche, die er tagtäglich erlebt als “Krieg im Kopf”, nach einem Lied, das er mal gehört hat und als er diesen Zustand beschreibt, konnte ich das irgendwie gut nachempfinden. Manchmal befinde ich mich auch in diesem Krieg tief in mir drin. Meine Bedürfnisse, die Bedürfnisse von anderen, was wird erwartet, was kann geleistet werden, welcher Baustelle werde ich zuerst gerecht und am Ende habe ich nur noch wirren Krach im Kopf. Ich fühlte mich ihm in dieser Sekunde doch ziemlich verbunden auch wenn ich sicherlich nicht mal im Ansatz nachempfinden kann, was für Herausforderungen sich in seinem Leben sonst noch so auftürmen.
Es ist euch sicherlich auch schon aufgefallen
Gedankenbucheinträge immer dann, wenn ich müde von allem bin und auf Auflösung der Situationen warte. Aber es hilft. Es hilft wirklich immer und immer wieder einfach mal aufzuschreiben, wie es einem gerade geht und sich dabei bewusst machen, dass dennoch auch immer noch vieles ganz wunderbar ist.
Hürden können genommen, Probleme angegangen werden und schöne Momente findet man in jeder Kleinigkeit, nicht wahr?
Also danke ich euch, dass ich heute wieder ein wenig meine Gedanken schweifen lassen konnte und klappe das Tagebuch für heute zu.



Ein Kommentar
bullion
Ich glaube, so ganz klassiche Tagebuch geschrieben habe ich nie bzw. es einmal versucht und das war dann aber fix auch wieder vorbei. Erst mit dem Internet ist das Schreiben so richtig bei mir gekommen. Zunächst nur ein Filmtagebuch, dann das Blog und inzwischen ist dieses tatsächlich mein Tagebuch, in dem, teils verklausuliert, die meisten Dinge stehen. Das reicht mir als Tagebuch/Gedankenstütze/Erinnerungen für die Nachwelt.
Um Fotobücher kümmert sich ab und zu Frau bullion. Meist nur auf Urlaube bezogen. Also nur ein kleiner Ausschnitt. Alles andere ist digital. Die Kinder schreiben oft auch Ferientagebücher, was ich toll finde!