Wie sie über mich hinaus wachsen…

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“Mama, warst du auch so groß wie ich, als du so alt warst wie ich”, fragte mich gestern der kleine Sohn, während wir gemeinsam auf seinem Roller Richtung Sportplatz rollerten. “Nein”, antwortete ich, “ich war sogar ein bisschen größer als du”. Tatsächlich war es in meiner Kindheit so, dass ich lange Zeit zu den eher größeren Kindern gehörte. Das Ganze hörte dann aber ungefähr in der 6. Klasse auf, denn danach fingen sie alle an mich zu überragen. Als ob ich einfach nicht mehr wachsen wollte. Aus der Größten in der Klasse wurde ich nach und nach zu einer der Kleinsten und heute ist meine Größe gerne mal Anlass für den einen oder anderen Witz.

Ein Schlüsselerlebnis hatte ich mal in einem Zeitungsladen im Bahnhof

Die Zeitung, die ich gerne haben wollte befand sich in einem der oberen Reihen im Zeitungsladen. Ganz ehrlich? Warum wurden Regale überhaupt so konstruiert, dass sie nicht von jedem erreichbar sind. Aber gut… *lach*. Nein, also in dieser Situation wollte ich gerne eine Zeitung aus der obersten Reihe haben. Aber ich kam nicht ran. Wenn ich mit etwas Probleme habe, dann ist es einfach fremde Leute anzusprechen. Vor allem, wenn ich alleine bin. Das ist in manchen Alltagssituationen echt ein Problem, denn ich mag es auch nicht Verkäufer und dergleichen anzusprechen, wenn ich etwas brauche oder wissen möchte. Ist der Mann bei mir, dann kann ich immer ganz wunderbar ihn vorschieben und das mache ich auch gerne. Nur wenn ich mit den Kindern unterwegs bin, dann springe ich über meinen Schatten und versuche ihnen gegenüber zu zeigen, dass man selbstbewusst sein kann und bin mutiger als in anderen Situationen.

Wie dem auch sei… An diesem Tag war ich alleine und ich musste jemanden ansprechen, wenn ich diese Zeitung haben wollte. Also sprang ich über meinen Schatten und bat einen großen Mann neben mir, ob er mir vielleicht kurz helfen und mir das Gewünschte heruntergeben könnte. Der Mann sah mich erst verwundert, dann kritisch an, antwortete nicht, schnaubte kurz und schaute dann weg. Die Zeitung bekam ich nicht und nochmal jemanden anzusprechen, das wagte ich nicht. Bis heute weiß ich nicht, was sein Problem war, aber so eine Erfahrung prägt sich ein.

Inzwischen mache ich gerne selber Sprüche über meine Größe

Vielleicht wäre für euch kurz interessant zu wissen, wie groß ich denn eigentlich bin. Ich weiß, viele von euch lesen schon treu viele Jahre hier mit und ich habe es dann und wann schon mal erwähnt, aber für die, die eher neu sind heute mal der eine oder andere Fakt über Sari: Mit ungefähr 12 Jahren hörte ich auf zu wachsen und alle meine Freunde fingen an mich zu überragen. So war mein bester Freund gut und gerne irgendwann mindestens einen Kopf größer als ich und irgendwann dann sogar noch mehr.

Eine ganze Zeit lang stand in meinem Ausweis, dass ich 168 cm groß wäre, aber das stimmte vorne und hinten nicht. Ich weiß auch nicht, wie das geklappt hat, denn normalerweise wird man ja gemessen, aber damals schien das keinen zu interessieren. Vielleicht wirkte ich auch damals größer, wer weiß. Und nun die tatsächliche Größe: Ich bin genau 159 cm groß und darf damit gerade so ohne Sitzerhöhung fahren *lach*. Nein, das stimmt natürlich so nicht, denn irgendwann erledigt sich diese ja auch vom Alter her. Aber ja… meine Beine brauchen nicht viel Platz im Auto.

Inzwischen bin ich dazu übergangen das Thema Größe schon von ganz alleine aufzugreifen, bevor ich für andere angreifbar werde, denn natürlich gibt es genug Witze über kleine Menschen, Frequenzen, die sie wahrnehmen und mehr. Was natürlich Quatsch ist, aber auch ich durfte mir schon Sprüche anhören wie “Hörst du mich da unten oder soll ich zu dir runter kommen” usw… Dabei habe ich das Gefühl, dass ich mit meinen 159 cm heutzutage gar nicht mal so alleine dastehe als Frau. Klar gibt es genug, die größer sind als ich, aber eben auch genug, mit denen ich scheinbar auf Augenhöhe bin. 

Am Liebsten sage ich: “Lass mich, ich bin klein und niedlich, ich darf das” und ernte in der Regel ein Lachen dafür. Aber ein liebes. Damit fahre ich inzwischen ganz gut. Was mich nur stört ist, dass ich das Gefühl habe nicht einfach nur klein zu sein, sondern eben irgendwie zusammen gestaucht, als ob alles so ein bisschen zusammen gedrückt worden wäre und dadurch etwas unförmig ist…

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Inzwischen wachsen sie alle über mich hinaus…

Es ist so seltsam. Ich weiß noch, als der große Sohn damals mit Fußball anfing und ich mich bereit erklärte den Part der Betreuerin auf mich zu nehmen, da waren sie alle noch so klein. Ich fühlte mich massiv in den Beruf der Erzieherin zurück versetzt und fand es irgendwie schön mit den kleinen Jungs dieses Abenteuer zu erleben. Wie sie einen angrinsten, einem von ihren Erlebnissen erzählten, auf der Bank neben mir saßen und aufgeregt wegen des Spiels waren und auch mal getröstet werden mussten. Manchmal kuschelten sie sich an und manchmal wollten sie einfach nur meine Hand halten.

Wenn wir heute zu einem Spiel auflaufen oder gemeinsam Richtung Kabine gehen, falle ich zwischen all den Jungs gar nicht mehr auf. Sie sind inzwischen alle genauso groß wie ich, der eine oder andere vielleicht sogar schon größer. Fast schon Männer und an manchen Tagen fühle ich mich nun richtig klein unter ihnen. Ich merke immer öfter: Sie brauchen mich nicht mehr. Ich bin wirklich nur noch zum Quatschen oder mal als Motivation für sie da. Neulich grinsten mich die Väter der Jungs an, als ich mit ihnen gemeinsam zur Kabine ging. “Du fällst gar nicht mehr auf”, riefen sie und einer meinte sogar, dass er gar nicht gemerkt hätte, dass ich da war. Wie auch: Gleich groß und dann tragen wir alle die gleichen dicken Vereinsjacken *lach*. Sie sind alle groß geworden und das fühlt sich seltsam an.

Da bin ich glatt ein bisschen froh, dass ich nun die Chance bekomme das alles nochmal zu erleben mit dem kleinen Sohn nun. Wieder mit kleinen Kindern an meiner Seite, die mich angrinsen und stolz von ihren Toren erzählen, sich auch mal ankuscheln oder mir ihr neues Spielzeug zeigen. Die auf einmal wieder Hilfe mit den Stutzen brauchen oder kurz getröstet werden wollen, wenn etwas mal nicht so gut klappt.

Mir gruselt es etwas davor, wenn bei den großen Jungs das erste Mal Mädchen am Spielfeldrand stehen oder noch stärkere Pubertiere aus ihnen werden. 

So wie sie in der Schule damals alle größer wurden, so passiert das nun auch hier

Ich finde besonders jetzt fällt es wieder massiv auf, wie sehr die Zeit doch rast, wie schnell sie wachsen und groß werden. Die Züge verändern sich, ihre Emotionen werden andere und auch ihre Sorgen. Sie sehen immer weniger wie kleine Kinder aus und immer mehr wie junge Erwachsene. Selbst beim kleinen Sohn lässt sich diese Veränderung schon feststellen. Klar, er kommt immerhin dieses Jahr in die Schule. Der nächste Lebensschritt steht bevor und das verändert viel in einem. Man bekommt eine neue Position im Leben, während ich meine behalte. Als ihre Mutter. Oder eben auch als die Betreuerin. Nur dass sich meine Aufgaben ein wenig verlagern und meine Zeit Planung.

Ich muss nach und nach andere Sorgen und Gedanken auffangen, andere Dinge angehen, die sie nun beschäftigen. Schule, Alltag, Herausforderungen. Nicht mehr die von kleinen Kindern, sondern die von Heranwachsenden… 

Inzwischen ist auch der große Sohn fast so groß wie ich und ich bin mir ziemlich sicher, dass er meine Größe bis zum Ende des Jahres erreicht haben und im nächsten Sommer mich überragen wird. Der kleine Sohn sagt immer, er will kleiner sein als ich. Immer. Damit ich nicht die Kleinste in der Familie sein muss, aber das ist ok. Denn hey, ich bin vielleicht klein. Dafür aber oho!

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