„Mein Bruder und ich und das ganze Universum“ #Rezension

Mein Bruder und ich und das ganze Universum

Rezension*

Wer hier schon länger mitliest, der weiß, dass ich schon immer gerne Bücher nach ihrem Umschlag ausgewählt habe. Früher konnte ich ewig durch die Buchhandlung schlendern und dabei mit meinen Fingern über Buchrücken streichen. Ein paar Schritte vor und wieder zurück wippen, hier mal einen Blick hin und dort. Ich nahm Bücher, die mich ansprachen in die Hand, las den Klappentext, blätterte ein bisschen in ihnen und legte sie wieder zurück. 

Manchmal machte ich das fast jede Woche morgens bevor ich zur Arbeit fuhr. Ich hatte immer das große Glück, dass ich erst um 12 Uhr auf Arbeit sein musste und so vieles schon am Vormittag erledigen konnte. So eben auch diese Streifzüge durch die Buchläden. Durch meinen langen Arbeitsweg las ich jede Woche mindestens ein, wenn nicht gar zwei Bücher und so stand ich wirklich jede Woche im Buchladen und suchte nach Nachschub.

Noch heute schaffen es vor allem die Buchdeckel meine Aufmerksamkeit zu erregen…

Nicht immer spiegelt so ein Umschlag tatsächlich den Inhalt wieder, den ich von dem Buch erwarte, aber meist liege ich da doch ganz richtig mit meinem Gefühl. Ähnlich erging es mir, als ich auf dieses Buch stieß, das ich euch heute gerne vorstellen möchte. Auch hier war es nämlich zu Anfang der Fall, dass ich den Umschlag so schön gestaltet fand, dass ich neugierig auf den Inhalt wurde und bei dem Titel „Mein Bruder und ich und das ganze Universum“ ließ in mir die Idee aufkommen, dass es vielleicht ein schönes Buch wäre, dass ich mit meinen Jungs zusammen lesen könnte. Tatsächlich spricht es aber eine Altersgruppe von 11 Jahren an und ich glaube ich würde auch nicht unbedingt früher damit starten. Am Ende habe ich dieses erstaunliche und bewegende Werk von Katya Balen ganz alleine gelesen, das so total anders war, als ich erst einmal vom Umschlag her vermutet hätte.

Auch der Klappentext lässt erst einmal nicht viele Vermutungen über den Inhalt des Buches zu. Denkt man eben vordergründig an die Beziehung zweier Brüder, die sich im Alter und in der Reife etwas unterscheiden. Der Klappentext liest sich nachdenklich und irgendwie schön. Ich muss wirklich sagen, der Inhalt des Buches ertappte mich unerwartet.

Mein Bruder und ich und das ganze Universum 

„Mein Bruder und ich und das ganze Univserum“ von Katya Balen

In der Geschichte von Katya Balen lernen wir den 10 jährigen Jungen Frank und seinen 5 Jahre alten Bruder Max kennen. Dabei sehen und fühlen wir alles aus der Perspektive von Frank, der sich manchmal nichts sehnlicher wünscht als ein „normales“ Leben. Ihr müsste nämlich wissen, dass sein kleiner Bruder etwas anders ist als andere. Max hat nämlich nie so richtig sprechen gelernt und alltägliche Dinge bereiten ihm häufig Probleme. Er braucht seine Bilderkarten, um mit dem Tagesablauf besser zurecht zu kommen und muss auf alles immer gut vorbereitet werden, damit er nicht zu kleineren oder größeren Ausrastern tendiert.

Dinge, die für uns vollkommen normal sind, sind für Max eine gigantische Herausforderung. So wie Schuhe kaufen zum Beispiel. Das kann ziemlich schnell mal in ein mittelschweres Desaster ausarten und die Familie fährt ohne neue Schuhe nach Hause, die dann später der Papa lieber im Alleingang holt. Frank wiederum leidet sehr darunter, muss er doch ständig Verständnis zeigen und zurück stecken. Sein Bruder Max ist nämlich Autist und so sehr Frank sich immer bemüht für alles Verständnis zu zeigen und seinen ohnehin schon vollkommen überlasteten Eltern nicht eine zusätzliche Last aufzubürden, so schwer ist das alles eben auch für ihn und manchmal wünscht er sich, das alles anders wäre.

Als die Mama dann auch noch krank wird, muss die Familie einmal mehr beweisen, wie viel ungeahnte Kraft in ihnen steckt und droht an allem geradezu zu zerbrechen, wenn da nicht… Ja was wäre wenn?

Ich möchte nicht zu viel verraten, doch es ist wirklich schwere, aber beeindruckende Lektüre

Auch wir haben im Alltag unsere kleinen und großen Probleme, Wutanfälle und Ausraster, sind unzufrieden mit Dingen oder kommen schwer mit Veränderungen zurecht und dennoch ist es oft Jammern auf hohem Niveau bei uns. Eigentlich, ja eigentlich geht es uns nämlich gut.

Als ich das Buch aufschlug, fiel mir als erste eine Spirale mit Zahlen und Buchstaben ins Auge. Die einzelnen Kapitel haben nur Zahlenfolgen als Überschriften und mit der Zeit wird mir klar: Es ist eine Geheimsprache und der Code dafür befindet sich in der Spirale. So fange ich also an Kapitel für Kapitel diese Codes zu entschlüsseln, folge dem Countdown von Frank, der die Tage runterzählt, bis auf seinen kleinen Bruder eine gewaltige Veränderung zukommt. Die Schule. So viel Ungewissheit haftet an allen, so viel Angst vor dem, was da kommt. Und man spürt regelrecht die Anspannung in der Familie und vor allem den Frust und die Trauer, die Frank die gesamte Zeit begleitet. Man beobachtet durch die Augen des Protagonisten, wie die Familie kämpft und wie schwer das alles ist.

Es ist ein bisschen, als ob man das alles gemeinsam mit Frank erlebt und viel, ja wirklich viel viel lernt. 

Mein Bruder und ich und das ganze Universum

Ich weiß noch nicht, wann ich dieses Buch einmal mit den Kindern lesen werde…

Mit dem kleinen Sohn sicherlich noch eine ganze Zeit lang nicht, aber mit dem großen bestimmt demnächst mal. Man nimmt in „Mein Bruder und ich und das ganze Universum“ eine ganze Menge auf, lernt viel, gewinnt neue Perspektive und durchlebt viele Emotionen. Man sollte bereit und offen dafür sein sich diesem Thema „Autismus“ zu nähern.

Dieses Werk von Katya Balen ist ein ziemlich Gefühlsstarkes Buch, das ich euch wirklich wärmstens empfehlen kann, wobei ich dieses Mal tatsächlich mit der Altersempfehlung konform gehe. Es umfasst insgesamt 160 Seiten und ist im Carlsen Verlag erschienen. Eine traurig schöne Geschichte, die dabei aber auch sehr tröstlich ist und einem viel auch über Freundschaft, Zusammenhalt und Geschwisterliebe zeigt.

*Anmerkung: Das Buch wurde uns als Rezensionsexemplar von Carlsen zur Verfügung gestellt.

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