Corona-Tagebuch 12345 – salzH, Homeschooling und Kita frei…

Homeschooling

Es ist Sonntag. Wochenende. Wie herrlich. Nicht darüber nachdenken, dass morgen wieder alles von vorne los geht. Den Tag einfach wirken lassen und genießen. Zeit für uns, Zeit für die Familie, Zeit um alles andere ein wenig auszublenden, etwas Schönes zu unternehmen und einfach ein paar gute Momente sammeln… Doch Moment. Was machen wir heute eigentlich. Ratlos sitze ich am Esstisch und überlege. Eine Runde um den See? Nach einer Stunde sind wir durchgefroren und ehrlich gesagt können die Kinder es so langsam auch nicht mehr sehen. Immer wieder die gleiche Kulisse jeden Tag. So schön es ist so nah an der Natur zu leben, so sehr kann man sie auch über haben, wenn man ewig immer nur das Gleiche sieht.

Nach bald einem Jahr haben wir inzwischen alle möglichen Wege in unserem direkten Umfeld erkundet und kennen nun wohl auch die geheimsten Winkel, versteckten Kletterbäume und die schönen Eckchen, wo der Sonnenuntergang besonders schön aussieht. Der kleine Sohn kann inzwischen perfekt Fahrrad fahren und düst wild vor uns her, macht kleine Tricks und wird später vielleicht mal Stuntman, wer weiß. Der große Sohn hat hingegen das fahren auf den Inlineskates mehr und mehr perfektioniert und ich bin dankbar, dass so Sachen wie Fahrrad fahren und auf Inlineskates herumdüsen in Wintermonaten wie Dezember und Januar möglich sind, denn die vielen Kilometer, die wir jeden Tag um unser Haus herum spazieren, damit wir ein wenig frische Luft tanken können, würden sie auf Dauer wohl nicht mitmachen. Auf ihren geräderten Gefährten geht das noch halbwegs.

Ab und an schneit es ja sogar…

Alle paar Tage kommen ein paar Flocken vom Himmel. Mal mehr, mal weniger. Mal bleibt ein bisschen etwas liegen, aber meistens verwandelt es alles schnell in eine matschige Landschaft. Genau ein Mal blieb der Schnee hier bisher für einen halben Tag liegen, so dass die Kinder einen dreckigen Schneemann bauen und ein paar Schneebälle durch die Gegend werfen konnten. Das waren ein paar Stunden des puren Glücks, alle lachten und alles andere war für diesen Augenblick irgendwie vergessen. Es war ein perfekter Ferienabschluss, bevor uns der Ernst des Lebens wieder einholte.

Homeschooling

Nun sitzen wir schon seit zwei Wochen im Homeschooling oder auch saLzH genannt. Schulisch angeleitetes Lernen zu Hause. Im Groben heißt das: Die Kinder werden durch die Lehrer jeden Tag angeleitet und begleitet bei dem, was sie für die Schule machen sollen.

Jeden Tag sitzt der große Sohn nun von morgens bis mittags an seinem Schreibtisch

Um punkt 8 Uhr beginnt der Unterricht. Angenehm ist hierbei, dass wir keinen Schulweg haben und so länger im Bett liegen bleiben können. Dennoch bestehe ich auf ein zeitiges Aufstehen und dass der Sohn vor Beginn etwas frühstückt und sich fertig macht. Die Erfahrung hat gezeigt, dass man dann produktiver ist, als wenn man den ganzen Tag im Schlafanzug herum sitzt. Ich zumindest fühle mich dann immer so… ich nenne es jetzt mal gammelig und verschlafen. So hat man den Kreislauf wenigstens schon einmal angekurbelt.

Es ist ein wenig so, wie wenn andere sagen, dass sie sich dennoch schick machen und schminken. Egal, ob sie heute nun vor die Türe gehen oder nicht. Aber sie wollen sich dennoch wie ein Mensch fühlen. Ja, ich weiß… aber ich stehe morgens ebenfalls mit dem Kind auf, mache mich fertig und bereite Frühstück vor und schneide für später einen Obstsnack, wenn er in der ersten Pause herunter kommt.

Oft startet der Tag mit einem Meeting. Er hat tatsächlich nach Stundenplan Unterricht, das heißt meist 3-4 verschiedene Fächer jeden Tag bei 3-4 verschiedenen Lehrern, die alle recht unterschiedliche Umgehens Weisen mit diesem Homeschooling haben. Manche schicken einfach nur Ausgaben raus, die innerhalb des Zeitfenster bearbeitet und im Anschluss an sie geschickt werden sollen. Andere begleiten die Stunden mit einem kleinen Online-Meeting oder in dem sie die volle Zeit im Chat präsent sind.

“Ich fühle mich so erwachsen, Mama”

In der ersten Woche fand der Miniheld das alles auch noch echt cool. Ähnlich wie sein Papa darf er den ganzen Tag an seinem PC arbeiten und sitzt in wichtigen Meetings. Das ist aufregend und spannend und ich finde es gut, dass sie so zumindest immer noch im direkten Kontakt mit den Lehrern und ihren Klassenkameraden stehen. Zwischendurch arbeitet er dann an den Materialien und tauscht sich darüber aus. Grundsätzlich werde ich also erstmal nicht gebraucht, denn für Fragen sind ja die Lehrer da. Ich schaue nur parallel immer mal mit in die App von meinem PC rein und drucke ihm Notfalls benötigte Materialien aus oder erinnere ihn an Abgabefristen. 

So ganz ohne geht es aber doch nicht, denn manche Sachen machen wir dann doch gemeinsam. Dann sitzt der Sohn am Esstisch und bastelt an einer Kunstaufgabe, für die ich alle Materialien hier unten in meinem kleinen Bastelschrank habe. Oder wir suchen die empfohlenen Videos vom Sportlehrer heraus, die der Sohn dann unten im Wohnzimmer umsetzt. Nebenher mache ich etwas Haushalt und koche essen…

Und dann ist da ja auch noch unser Kitakind.

Wie ihr ja wisst, sind die Kitas geschlossen. Das heißt also, ich habe nicht nur das Schulkind zu Hause, sondern auch das Kitakind. Genau wie im Frühling letzten Jahres, nur dass das Homeschooling etwas geordneter stattfindet.

Homeschooling

Als der große Sohn letztes Jahr immer am Esstisch saß und seinen Stapel Blätter abarbeitete, setzte sich der kleine Sohn gerne dazu, malte oder versuchte sich an eigenen kleinen Aufgaben oder Vorschulbögen und fühlte sich durch seinen fleißigen großen Bruder sehr inspiriert. Dieser ist nun aber für Stunden jeden Vormittag quasi aus unserem Blickfeld verschwunden. Stattdessen sitzt der Mann am Esstisch und macht Homeoffice. Ich bin dankbar dafür, dass er seit Monaten nicht mit der Bahn quer durch die Stadt ins Zentrum fährt und sich so nicht dem täglichen Risiko aussetzt viel Kontakt zu anderen zu haben. Aber Homeoffice heißt eben auch, dass er konzentriert arbeiten und ebenfalls täglich seine Meetings und Telefonate führen muss. Dadurch wedle ich natürlich nicht ständig mit dem Staubwischer um ihn herum oder lasse den Staubsauger seine Runden drehen.

Und dem Kitakind ist langweilig. Ganz schrecklich. Im fehlt sein Bruder und ihm fehlen seine Freunde. Hat er es zeitweise im letzten Jahr noch sehr genossen einfach mal zu Hause bleiben zu können, dauerte es dieses Mal keine zwei Tage und er vermisste schon die Kita. “Corona ist doof Mama”, sagt er dann, “ich finde es so doof, dass die Kita zu ist! Ich habe niemanden, mit dem ich spielen kann!”. In den letzten Tagen ist oft mein Mamaherz gebrochen, wenn ich gesehen habe, wie traurig er deswegen ist. Er fragt nach “Meetings” mit seinen Freunden, führt kurze Videochat-Gespräche, die bei so kleinen Kindern aber noch total anders ausfallen und fragt, wie viele Male er noch schlafen muss, bis er wieder in die Kita kann. “Ich weiß es nicht”, muss ich dann antworten und drücke ihn fest an mich.

Nach zwei Wochen Homeschooling ist das Gefühl von “cool” dann auch langsam wieder weg…

Inzwischen ist die Luft dann auch wieder raus. Es ist anstrengend den ganzen Tag an seinem Schreibtisch zu hocken und keine Hofpausen zu haben, in denen die Gedanken ein wenig zerstreut werden. Und es ist anstrengend in einem Online-Meeting zu sitzen, in dem alle Schüler ständig reinrufen, wenn sie etwas wissen, während man selber versucht ganz wie in der Schule sich einfach nur brav zu melden.

Immer häufiger braucht der große Sohn nach seinem Homeschooling erst einmal ein paar Minuten nur für sich. Dann liest er und ist wie verschollen. Erst dann kommt er runter und ist offen für den Rest des Tages. Zu diesem Zeitpunkt ist aber der halbe Tag schon um, denn sein Stundenplan geht jeden Tag bis 14.30 Uhr. Im Schnitt hat er bis dahin 2-3 Onlinemeetings hinter sich und einiges an Abgabefristen, die er einhalten muss. Ihm fehlt es offensichtlich den direkten, physischen Kontakt zu seinen Lehrern zu haben. Auch, wenn alles durch die Lehrer angeleitet ist, ist es nicht so persönlich wie in der Schule und an dieser Stelle merke ich, wie wichtig aber genau das ist.

Nach seinem doch immer recht langen Schultag geht es für uns dann immer erst einmal raus. Für uns alle, denn wir brauchen die frische Luft, um den Kopf frei zu bekommen. Daher waren wir bisher tatsächlich bei jedem Wetter draußen. Egal ob Schnee, Regen oder Sonnenschein, wobei der dieses Mal auf sich warten lässt, nachdem wir in den letzten Monaten ja wirklich grundsätzlich viel Glück mit dem Wetter hatten.

Homeschooling

Allgemein muss ich immer wieder betonen, wie dankbar ich bin!

Dankbar dafür, dass wir keine Betreuungsschwierigkeiten zu bewältigen haben, weil ich eh da bin. Ich weiß, das ist nicht jedem möglich und es ist eine Luxus-Situation. Dankbar, dass der Mann nun schon seit Monaten im Homeoffice arbeiten kann und dankbar, dass der Sohn eine recht fixe Auffassungsgabe hat und so relativ eigenständig arbeiten kann. Dankbar für unseren Garten am Haus und dankbar für die Natur in der Umgebung. So viele Dinge, die nicht für jeden selbstverständlich sind und für uns das ganze händelbar und erträglicher machen.

Erträglich macht es aber dennoch nicht einfacher. Man fühlt sich isoliert und oft auch deprimiert. Das viele trübe Wetter, dass wir nun seit 3-4 Wochen haben drückt die Stimmung zusätzlich und inzwischen ist es so kalt, dass man es nicht ewig lange draußen aus hält. Einkaufen wird zum Highlight der Woche, wobei wir auch da wieder dazu übergegangen sind, dass die Einkäufe meist nur einer erledigt. Dem Heldenkind ermöglichen wir den einen Kontakt, den man ab und an haben darf und dokumentieren alles fleißig im App-Tagebuch. man kann ja nie wissen…

Neulich kam im Fernsehen die Frage “Was machen sie als erstes, wenn das alles vorbei ist?”

Eine spannende Frage, oder? Für mich ist die Antwort ganz klar: Ich packe meine Familie und die Koffer und will erst einmal einfach nur weg. Irgendwo hin, wo ein Strand ist, den ich entlang wandern kann. Frische Luft, eine andere Umgebung. Einfach weg und woanders hin. Diesem komischen Alltag entfliehen und durchatmen. 

Was wir dann danach machen, das können wir uns dann immer noch überlegen. Ich habe ja immer die leise Hoffnung, dass zum Frühjahr hin sich die Situation wieder etwas mehr entspannt. Ich denke nämlich, dass wir noch eine Weile so ein komisches Leben führen werden, bis das Ganze zu etwas wird, das eben einfach dazu gehört. So wie man mal Scharlach bekommt oder so. Nur dass es dann eben heißt “Sie haben Corona, nehmen sie zwei Tage diese Tabletten und nach einer Woche können sie wieder arbeiten gehen” oder so ähnlich. Und bis dahin wird es immer ein Auf und Ab sein. Wintermonate = Erkältungsmonate, ergo Risiko größer. Sommermonate dann etwas entspannter. Darauf kann man sich einstellen, sich vorbereiten. Sich gedanklich damit befassen, so dass man sich nicht überrumpelt fühlt. 

Aber bis dahin heißt es halt Zähne zusammen beißen. Es hilft ja nichts. Es ist nicht einfach. Für keinen und ich habe das Gefühl ganz besonders für die Kinder nicht.

Homeschooling

Was wir jetzt versäumen ist unsere Zukunft.

Das denke ich immer wieder. Die Kinder, die jetzt auf der Stelle treten, die zu Hause sitzen und teilweise echte Kämpfe ausfechten, das sind die, die später für unsere Zukunft verantwortlich sind. Eine Generation, die … ja ich weiß auch nicht. Ich bekomme die Gedanken gerade nicht gegriffen, wie so oft in den letzten Tagen.

Wenn das so ist, dann hole ich meine Laufschuhe aus dem Schrank und laufe los. Mal mehr, mal weniger. Atme tief ein, versuche den Kopf klar zu bekommen, während irgendwie eine Playlist rauf und runter läuft. Meine persönlichen 30-40 Minuten, in denen ich ganz alleine bin. Immer öfter erst zum Abend hin, wenn ich die dunklen Straßen entlang laufe, weil da einfach am wenigsten los ist. Manchmal peitscht mir dabei etwas Regen oder gar kleine Flocken ins Gesicht und benetzen die Gläser meiner Brille.

Wenn ich dann wieder nach Hause komme, ist es wieder ein bisschen besser. Ich fahre wieder ein wenig runter, fühle mich befreiter. Dann schaue ich auf meine Kinder und frage mich, wie es für sie weitergehen soll. Wann es für sie normaler wird.

“Können wir mal wieder klettern gehen”, fragt mich der kleine Sohn und ich überlege, wie ich ihm am besten darauf antworten kann. Ein Blick von ihm und er erkennt die Antwort von alleine.

“Corona ist scheiße, Mama”, sagt er dann und ja, er hat recht.

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