Tagebuchbloggen: Ich stehe am Rand um dich anzufeuern!

Kind

Es ist früh am Morgen. Ok, so früh ist es eigentlich schon gar nicht mehr. Es ist fast 9 Uhr und ich laufe. Gerade habe ich beide Kinder abgeliefert. Den Kleinen in der Kita und den Großen in der Schule. Es ist ein aufregender Tag, denn heute findet ein Lauf für die Schulkinder statt. Ähnlich dem Waldlauf, den ich noch aus meiner Schulzeit kenne. Eine Strecke, die es zu bewältigen gilt. Dabei ist es vorerst egal, ob man es in einer guten Zeit schafft. Hauptsache man schafft es. Das Schulkind war voller Vorfreude und aufgeregt, aber nervös irgendwie nicht. Warum also laufe ich?

„Die Eltern dürfen auch anfeuern kommen“

Der Miniheld überreichte mir letzte Woche einen Zettel aus der Schule. Darauf fand ich alle wichtigen Informationen für den heutigen Tag. Was sollte das Kind anziehen, was sollte es mitbringen, Uhrzeit, Treffpunkt und ja… auch die Einladung an die Eltern doch dazu zu kommen, um die Kinder bei ihrem Lauf anzufeuern. Ich heftete den Brief an unsere Familienschaltzentrale und warf einen kurzen Blick in meinen Termin – Planer. Ein weiterer Blick auf die Uhr. Würde das alles zeitlich zusammen passen? Ja, würde es. Also gut, dann komme ich, um dich, mein Kind, anzufeuern.

Eine morgendliche Wanderung für mich. Der Zeitplan ist eng und alles wird ein bisschen knapp. Ausgerechnet heute zieht sich alles unendlich in die Länge. Der große Sohn weiß nicht so recht, was er anziehen soll. Welche Shirt ist das richtige, welche Jacke soll er drüber ziehen und mit welcher Hose kann er besonders gut rennen. Für ihn steht nicht die Frage im Raum, ob der die Runde schafft (die läuft er nämlich eh ab und an schon mit dem Papa), sondern wie schnell er sein wird. Er entscheidet sich für das Lieblingstrikot und eine Sportjacke, die der von Papa recht ähnlich sieht. In die Schultasche packen wir noch einen Fleece – Pulli und eine Hose zum wechseln. Soweit, so gut… Doch das Heldenkind kann sich auch nicht entscheiden. Am Ende möchte es einen alten Pulli von seinem großen Bruder anziehen, der ihm viel zu lang ist und erlaubt mir gerade noch so, dass ich die Ärmel umkrempeln darf. Natürlich muss auch die Sammelbox mit in die Kita. Innerlich knirsche ich mit den Zähnen und hoffe, dass nachher keine der geliebten Sammelfiguren fehlt. Am Ende ist alles so knapp, dass ich mit nassen Haaren und Mütze das Haus verlasse.

Kind

Ich bin für dich da, wenn du mich lässt, mein Kind!

Ich laufe also meine übliche Route. Liefere die Kinder ab. Nur der Rückweg ist dieses Mal ein anderer. Ich laufe weiter zu dem Treffpunkt, wo die Kinder später ihren Lauf haben sollen. Insgesamt wohl knapp 1,5 km sollen sie laufen. Ich schaue auf die Uhr. Ich habe noch etwas Zeit. Ich schaue auf die Temperatur – Anzeige auf meinem Handy und bin etwas erleichtert darüber, dass ich gezwungener Maßen die Mütze auf dem Kopf habe. 6 Grad sind es und ich habe etwas Mitleid mit den Kindern, die diese Strecke gleich laufen sollen.

Als ich am Treffpunkt ankomme, steht dort eine Mutter, mit der ich schon kurz vorher an der Schule sprach. Auch sie war gekommen, um ihr Kind anzufeuern. Sonst sehen wir niemanden. Wir sind allerdings beide sehr früh und hoffen, dass vielleicht noch ein paar Eltern mehr Zeit frei schaufeln konnten, um mit uns am Rand zu stehen und zu jubeln. Die Mama und ich sind uns einig: Wenn unsere Kinder sich wünschen, dass wir bei solchen Gelegenheiten dabei sind, dann tun wir unser Möglichstes, um ihnen diesen Wunsch zu erfüllen. Wer weiß, wie lange wir das noch dürfen. 

Es ist kalt und wir warten…

Nach einiger Zeit trudeln noch andere Eltern ein und eine Diskussion vom letzten Elternabend wird noch einmal aufgewärmt. Noch immer sind wir uns nicht alle einig, doch ändern lässt es sich nicht. Ein älteres Kind auf dem Fahrrad kommt an uns vorbei und informiert uns darüber, dass sich der Lauf ein bisschen verzögert. Ich schiebe meine Hände tiefer in die Jackentaschen. Sie sind inzwischen ganz schön kalt. Wir unterhalten uns. Über unsere Kinder, ihre Wünsche und wie es in der neuen Klasse läuft. Manches ist anders als im letzten Jahr und an manchen Tagen sind wir unsicher, wie wir das finden. Grundsätzlich ist es aber bei allen gleich: Die Kinder fühlen sich wohl und gehen gerne in die Schule, was will man mehr.

Wir unterhalten uns darüber, wie wichtig es ist den Kindern ein stabiles und sicheres Gefühl zu geben. Wie wichtig es für die Kinder ist, dass wir bei solchen Anlässen (wenn es uns möglich ist) für sie da sind und jeden noch so kleinen Erfolg mit ihnen feiern und sie bei Misserfolgen auffangen und ihnen wieder auf die Beine helfen. Es gibt so Dinge, da sind wir uns alle einig.

Kind

Zusammen feuern wir euch an. Gemeinsam seid ihr stark!

In der Ferne entdecken wir die ersten älteren Kinder auf dem Fahrrad. Sie begleiten die Läufer und helfen ihnen auf der richtigen Strecke zu bleiben. Ich sehe den ersten Läufer und kurz darauf einen zweiten in einem blau weißen Trikot. „Ich glaube da ist meiner“ rufe ich und kann den Stolz in meiner Stimme kaum unterdrücken. Er läuft schnell und man sieht den Ehrgeiz in seinem Gesicht. Ich weiß, dass ich ihn nicht anfeuern brauche. Er schafft das auch ohne mich und dennoch sehe ich die Freude in seinen Augen, als er mich am Rand stehen sieht. Mama ist da, Mama sieht mir zu. Diese Gedanken kann ich in seinen Augen lesen und freue mich über seine Freude. Die Eltern neben mir klatschen und rufen seinen Namen. 

Gemeinsam klatschen wir bei jedem Kind, das an uns vorbei läuft, rufen aufmunternde Worte und feuern sie an. „Gleich habt ihr es geschafft“ rufen wir oder „Nur noch ein paar Meter“. Die Kinder lachen und strahlen und schöpfen noch ein letztes Mal Kraft. Man kann ihnen ansehen, wie sie noch einmal auf die letzten Kraftreserven zurück greifen und ihr Bestes geben. Wir rufen und klatschen für jedes Kind und feiern sie alle. Sie alle haben es geschafft. Keiner blieb zurück. Alle gaben ihr Bestes und wir sind auf jedes einzelne Kind stolz!

Und ich laufe wieder…

Der Lauf ist vorbei. Ich habe meine Aufgabe erfüllt und bin froh, dass ich diesen Moment nicht verpasst habe. Es gibt so viele wichtige Momente im Leben meines Kindes und jeder von ihnen ist wertvoll und einmalig. Ich möchte davon so viele wie möglich sammeln, wenn es mir möglich ist, und im Herzen bewahren. Ich möchte in diesen Momenten für mein Kind da sein, so lange es mich noch daran teilhaben lässt. Ich möchte, dass mein Kind später sagen kann „Meine Eltern haben mich immer so gut es ging unterstützt“ und am Ende des Tages möchte ich es in meine Arme schließen und sagen „Das hast du gut gemacht. Ich bin sehr stolz auf dich!“.

Kind

Zusammen laufen die andere Mutter und ich zurück. Wir erzählen noch ein bisschen von unseren Kindern, wie es ihnen geht und was ihnen wichtig ist. Ja, vergleichen vielleicht auch ein bisschen, aber ohne zu werten. Eher, um uns auszutauschen und zu schauen, was alles noch möglich sein kann.

Am Ende eines langen Weges verabschieden wir uns und jeder geht seinen Weg. Und nun, nun laufe ich gleich weiter, nachdem ich endlich Zeit zum frühstücken gefunden habe. Laufe, um meine Kinder einzusammeln, die hoffentlich heute wieder schöne und besondere Momente sammeln durften…

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