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Gedankentagebuch #57 – Vorteile, wenn man klein ist?

Mit 159 cm gehört man definitiv eher zu den klein gewachsenen Menschen und das ist auch etwas, das mich mein Leben lang begleitet hat. Auf den verschiedensten Ebenen… Nicht immer waren die nett. In der Regel beinhalteten sie gemeine Sprüche, die eigentlich lustig sein sollten und Alltagsmomente, in denen ich mich gedemütigt fühlte. Ja, ist leider so. Und dabei gehörte ich als Kind noch eher zu den Größeren in meiner Klasse. Bis ich nach der 6. Klasse aufhörte zu wachsen, während alle anderen einfach nochmal so 10 cm oder mehr drauf legten.

“Kannst du mich da unten überhaupt hören”

Einer der Sprüche, die ich in der Ausbildung öfter zu hören bekam. Da war einer in meinem Jahrgang, der war groß. Sehr groß. Er war ein netter Kerl, ein kleiner Spaßvogel, aber manchmal auch etwas problematisch und einer der ersten, der Auto fahren durfte. Und er liebte sein Auto. Mit speziellem Soundsystem und ich glaube sogar LED Beleuchtung unten drunter beim Fahren. Sah natürlich toll aus am Abend. Ich fuhr nur selten mit. Aber das Auto und auch er waren mir irgendwie im Gedächtnis geblieben. Wirklich, er war ein lieber Kerl und ich bin mir sicher, dass er nie gemein sein wollte. Er hatte nur eben nie so richtig darüber nachgedacht, dass die Sprüche vielleicht auch auf Dauer ein wenig verletzend sein könnten.

“Ich höre dich leider nicht”, sagte er manchmal, “deine Schallwellen kommen hier oben bei mir nicht an”. Spitznamen wie “Abgebrochener Zwerg” oder “Liliputaner” (und auch andere Sachen) gehörten zur Tagesordnung. Selten waren sie gemein gemeint, aber irgendwie auf Dauer halt nicht lustig. Das zehrt eben doch irgendwann enorm am Selbstbewusstsein und gerade in einer Ausbildung, wo es in Richtung Ernst des Lebens geht in einem Beruf, wo man viel Elternkontakt haben würde, hatte ich irgendwann Sorge, dass man mich vielleicht nicht ernst nehmen würde.

Irgendwann fängt man halt an zu mauern, einen Schutzwall um sich herum zu bauen und den Dingen entgegen zu wirken, indem man einfach diese Sachen bei ersten Treffen usw. vorweg nimmt. Ich habe dann oft so Dinge gesagt wie “Ich bin halt klein, das muss so”, “Klein und gemein” oder “Lass mich, ich bin klein und niedlich”. Natürlich kann man in manchen Situationen diese Karte dann auch durchaus zu seinem Vorteil ausspielen. Aber naja…

Es gab ein paar einprägende Erlebnisse in meinem Leben

Am Schlimmsten war aber der Moment, wo ich mal in einem Zeitungsladen stand und das Gewünschte deutlich über mir in einem Regal stand. Als doch recht introvertierter Mensch war es für mich eine echte Überwindung jemanden anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Aber ich tat es, denn ich war schon oft genug aus den Gründen ohne das Gewünschte aus einem Laden gegangen. Ich wollte halt mal mutig sein.

Das Ende vom Lied? Der Mann, den ich angesprochen hatte, starrte mich an. Bestimmt eine Minute lang. Ich verstehe bis heute nicht so recht wieso er das gemacht hatte. Er starrte also. Irgendwann schnaubte er verächtlich, drehte sich um und ging weg. Ohne mir das Gewünschte heruntergegeben zu haben. Was….war….das…da….gerade?! Ich verstand die Welt nicht mehr.

Den Zeitungsladen verließ ich dann doch ohne meine Zeitung, denn eine weitere Person anzusprechen, das wagte ich dann doch nicht mehr. Der Drops für den Tag war gelutscht.

Aber ich erkannte irgendwann auch die Vorteile am eher kleiner sein…

…denn sind wir mal ehrlich. Sooooo klein bin ich ja doch gar nicht. Im Laufe meines Lebens habe ich viele Menschen getroffen, die auch nicht viel größer waren als ich. Minimal vielleicht. Und sogar den einen oder anderen, den ich überragte. Ja, der Moment war für mich immer erhaben, aber da ich selber weiß wie es ist, wenn man ständig Sprüche bekommt, lasse ich diese Tatsache wirklich jedes Mal absolut unkommentiert.

Und wisst ihr was? Wir kleineren Menschen können dafür Sachen, die ihr Großen nicht könnt *lach*. Schon alleine die Tatsache, dass ich ziemlich oft in der Kinderabteilung shoppen konnte (und das teilweise noch heute mache) ist schon nicht schlecht. Meist sind die Sachen dort nämlich ein wenig günstiger und genauso hübsch. Auch gibt es dort viel, was ich mir auch noch für Erwachsene wünschen würde *lach*, aber gut … das liegt natürlich auch an meinem persönlichen Geschmack.

Wir finden deutlich einfacher mal einen Platz zum Sitzen oder stehen. Mit kurzen Beinen braucht man nicht viel Beinfreiheit im Kino, Auto oder sonst wo und kann sich immer nochmal gut irgendwo dazwischen schieben.

Es ist also nicht alles unbedingt doof oder seltsam und man muss nur seine Nischen finden, nicht wahr?

Warum das Thema heute?

Weil ich mich erinnerte.
Erinnerte an die oben beschriebene Zeit, als ich neulich jemanden kennenlernen durfte mit einem tollen Selbstbewusstsein, der aber kleiner war als ich. “Mich wundert es, dass du das Thema gar nicht angesprochen hast”, sagte sie zu mir, “das ist meist das Erste, was die Leute zu mir sagen”. Und ich konnte irgendwie mitfühlen. Für mich war es selbstverständlich, dass das überhaupt kein Thema sein sollte zwischen uns, hatte gar nicht groß drüber nachgedacht. Erst als sie es von sich aus erwähnte…

Es spielt einfach keine Rolle und mit den Erfahrungen aus der Vergangenheit sowieso nicht. Aber ich musste eben daran denken, wie viele eben doch ihre Freude daran hatten (oder manchmal auch heute noch haben), einen mit so etwas aufzuziehen. Man sollte sich eben nur bewusst machen, dass MAAAAL so ein Witz nicht schlimm ist, aber dass ein Dauerfeuer eben doch irgendwann auch mal einen Brand in einem auslöst.

Meine Gedanken für heute…

Frau Mondgras – Das bin ich, Sari. Gerne auch als Sari Mondgras bekannt und im Internet zu finden. 2-Fach-Mutter, Heldenehefrau, Kreativling, Harmoniesüchtig und ständig auf der Suche nach Glück. Ich komme aus Berlin, bin hier aufgewachsen und lebe hier seit ich denken kann.

16 Kommentare

  • bullion

    Bei diesem Thema haben wir wohl mit gänzlich unterschiedlichen Nach- und Vorteilen zu kämpfen. Ich bin eher groß gewachsen und das schon seit dem frühen Teenageralter. Mit knapp 192 cm wurde ich stets schon älter geschätzt und musste immer erwachsener agieren, als ich eigentlich war bzw. wurde das erwartet. Sprüche wie “Wie ist denn die Luft da oben?” oder “Du Lulatsch” waren auch an der Tagesordnung. Ich habe mich damals nie wohl in meiner Haut gefühlt und mich eher klein und unsichtbar gemacht, obwohl ich immer über alle hinausragte.

    Vorteile sind und waren klar, dass ich immer oben an alles drankam. Da werde ich auch heute noch häufig gebraucht. Dafür ist mir oft alles zu klein: Die Arbeitsplatte in der Küche zu niedrig, die Beinfreiheit im Theater oder Auto usw.

    Hat wohl alles Vor- und Nachteile. Aber schon faszinierend, wie ähnlich unsere Erfahrungen waren, auch wenn sie in gänzlich gegenteilige Richtungen gingen.

    • Sari

      Dein Bericht ist total spannend und ich muss gestehen, dass ich das so gar nicht mehr auf dem Schirm hatte. Dass es eben auch in die andere Richtung gehen kann und man ebenso zu kämpfen hat, wenn man sehr groß ist. Eine Freundin von mir ist auch ziemlich groß und hat so ihre persönlichen Probleme damit. Aber darüber hatte ich gar nicht nachgedacht und jetzt schäme ich mich glatt ein bisschen nur auf meine Perspektive geschaut zu haben. Ein sehr wichtiger Input. Danke dafür!

      • bullion

        Oh nein, bitte nicht schämen! So sollte mein Kommentar wirklich nicht rüberkommen. Ich fand es nur spannend, dass wir beide nahezu die gleichen Erfahrungen gemacht haben, obwohl die “Ausgangslage” eine komplett gegensätzliche war. Das Gute ist ja: Wir haben unseren Frieden mit unseren Größen gemacht, so wie ich das auch bei dir rauslese. :)

        • Sari

          Haha, nein keine Sorge. Es hat eher dafür gesorgt, dass ich eben auch diese Perspektive mit aufnehme, die mir vollkommen entgangen ist und das, obwohl mir die Freundin immer wieder auch erzählt, womit sie so zu kämpfen hat und hatte,

  • Tati

    Liebe Sari, ich kann dich da total verstehen und mir kommen alle Sprüche bekannt vor. 🙈 Ist echt nicht lustig, vorallem denken die Leute einfach nicht drüber nach, weil, es macht ja auch kaum jemand Witze über große Menschen. Ich fühle mich zur Zeit auch etwas erhaben (wie du es nennst), weil bei mir auf der Arbeit bestimmt um die 5 Mädels etwas kleiner sind als ich und die anderen nur minimal größer😂 Trotzdem haben sie alle eins gemeinsam: sie lassen auch keinen Spruch oder Anmerkung raus, sich etwas anmerken, sondern ziehen einfach ihr Ding durch! Wie oft stand ich auch vor einem Regal und kam oben nicht an? Nunja, Not macht erfinderisch und fremde Menschen wollte ich auch nie bitten. 🙈
    Ich find es gut, dass du mittlerweile einen Weg gefunden hast, wo dich das nicht mehr so stark einholt oder dich einschrränkt. 🙂

    • Sari

      Nun ja, bullion hat uns ja nun gezeigt, dass es auch in die andere Richtung gehen kann und ja, ich kann mich auch noch aus der Schulzeit daran erinnern, wie größere Kinder Spargeltarzan usw. genannt wurden. Wie gesagt, es geht gar nicht so sehr darum, dass so ein Spruch mal kommt. Meist sind sie ja neckend gemeint, aber ja, selten wird darüber nachgedacht, was für Selbstzweifel und Unsicherheiten das in einem auslösen kann, wenn man es eben ständig zu hören bekommt.

  • Martha

    Ah, noch jemand, der wohl andere Schwerpunkte im Leben gesetzt hat, als zu Wachsen. :D
    Wenn mich einer mit Liliput, Zwerg oder was auch immer bezeichnet, was definitiv auch immer noch vorkommt, entgegne ich dass ich mich als Hobbit sehe. Die sind nicht negativ konotiert. Immerhin hat Frodo das mit dem Ring ganz gut gemacht in Mittelerde. Und die Neigung zu einer sehr guten Vorratshaltung hinsichtlich Lebensmitteln und Essen hab ich halt auch. Das passt daher schon recht gut.

    Ansonsten bevorzuge ich im Supermarkt oder generell beim Einkaufen eher die untersten Regale als die obersten. Blöde Sprüche oder Reaktionen auf die Bitte, dass mir jemand etwas von ganz oben runter holt, habe ich bisher noch nicht erlebt.

    Kinderkleidung passt mir nicht. Die Größe würde zwar passen, aber es gibt halt doch Unterschiede zwischen Frauen- und Kinderkörpern.

    • Sari

      Haha, ja… so kann man es auch sehen. Frage ich mich allerdings, wo ich meine Prioritäten dann stattdessen hingelenkt habe…hmm… das muss ich wohl noch herausfinden :)

    • Sari

      Das ist nochmal ein ganz anderes Level, finde ich, und absolutes No-Go!! Bei mir waren es meist Sprüche aus Scherz, nicht mal böse gemeint, aber in der Masse dann einfach nicht mehr lustig. Ich finde so etwas zu sagen einfach unangebracht!

  • Julia

    Ich bin ja ehr eine große Person, musste mich aber noch nie wirklich mit solchen Sprüchen abgeben. Als große Person hat man manchmal den Nachteil, dass die Hosen nicht lang genug sind.

    • Sari

      Das kann ich mir auch vorstellen mit den Hosen. Ich musste meine eigentlich fast immer kürzen oder umkrempeln. Inzwischen haben viele Läden aber auch Petit-Größen.

  • Nummer Neun

    Die Sprüche in die ein oder andere Richtung hatte vermutlich jeder schon mal gehört oder sogar gemacht, ohne dass die grundsätzlich böwillig gemeint waren. Gerade in der Pubertät, mit den unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten, wird das gerne thematisiert.

    Aber auf einen kleine, aber fiesen Tippfehler wollte ich noch aufmerksam machen (ich vermute jedenfalls, es ist einer):
    “Schon alleine die Tatsache, dass ich ziemlich oft in der Inderabteilung shoppen konnte (und das teilweise noch heute mache) ist schon nicht schlecht.”

    • Sari

      *lach* Ohje, ja das ist definitiv ein Tippfehler. Das wird direkt geändert. Danke für den Hinweis. Das kann man ja wirklich total falsch verstehen *lach*

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